Wie sind die zeitgenössischen Diskurse um sexuelle Abstinenz politisch einzuordnen? Paneldiskussion
Beschreibung
Kein Dating, kein heterosexueller Sex, keine Ehe, keine Mutterschaft – so lauten die vier Absagen der südkoreanischen 4B-Bewegung, der sich seit der Wahl Trumps auch immer mehr US-Amerikaner*innen anschließen. Sexstreik oder Zölibat als politische Identität, losgelöst von religiösen Konnotationen, ist als feministische Widerstandsform bereits in der antiken Komödie Lysistrata und in den Frauenbewegungen seit ihrer ersten Welle erprobt. Heute erhält diese heteropessimistische Strategie neue Aufmerksamkeit. Jedoch ist es erklärungsbedürftig, wie sich unterschiedliche Enthaltsamkeitsdiskurse jeweils politisch einordnen lassen. Schließlich sind zölibatäre Entwürfen ebenso ein Kernstück puritanischer, konservativer und antifeministischer Ideale. Abstinenzorientierte Erziehung gilt beispielsweise als repressive Strategie der Rechten. In Trends wie NoFap, in denen Pornografie und Masturbation entsagt wird, äußert sich bisweilen der Versuch, Status und hegemoniale Männlichkeit durch selbstdisziplinierende Affektbeherrschung herzustellen. Nicht zuletzt erhielt der Begriff des Zölibatären mediale Aufmerksamkeit durch misogyne Gewalt- und Terrorakte, verübt durch selbsternannte Involuntary Celibates – kurz Incels. Wie ist es um den ambivalenten Stellenwert des Sexuellen und Nichtsexuellen in unserer Gesellschaft bestellt? Wie um die Bedeutung der romantischen Liebesbeziehung im Vergleich zu Freund*innenschaften oder ganz anderen Relationen, die über die Privilegierung bürgerlicher, weißer, patriarchaler und heteronormativer Bestrebungen hinausgehen? In der Paneldiskussion werden Sortier- und Definitionsversuche unternommen, um vorschnelle Gleichsetzungen der verschiedenen Phänomene zu verhindern und Ausschau nach neuen Beziehungsweisen zu halten. Über die Panelist*innen: - Susanne Kaiser ist Journalistin, politische Beraterin und Autorin von Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen (Suhrkamp 2020) und Backlash. Die neue Gewalt gegen Frauen (Tropen 2023). Zu ihren Themenschwerpunkten zählen Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen in muslimischen und in westlichen Gesellschaften, organisierter Frauenhass und Sexismus. - Andrea Newerla ist promovierte Soziologin, Autorin von Das Ende des Romantikdiktats. Warum wir Nähe Beziehungen und Liebe neu denken sollten (Kösel 2024) und arbeitet derzeit als Beziehungsberaterin. Ihre Themen umfassen unter anderen Online Dating, Sorgestrukturen, Intimbeziehungen und Sexualitäten. - Beatrice Frasl ist Podcasterin (u. a. Große Töchter – der feministische Podcast für Österreich) und Kulturwissenschafterin mit den Schwerpunkten Feminismus, Geschlechterforschung und Queer Studies. Zuletzt erschien von ihr Entromantisiert euch! Ein Weckruf zur Abschaffung der Liebe (Haymon 2024). - Beate Absalon promoviert als Kulturwissenschafterin zu Sexualmoral und Einvernehmlichkeitspraktiken. Sie hat das Buch Not giving a fuck. Von lustlosem Sex und sexloser Lust (Kremayr&Scheriau 2024) geschrieben und gestaltet bei luhmen d’arc Workshops zu erfinderischen Intimitäten.